Nachruf Henrike Naumann, 1984-2026

Über: Möbel - Nachwende-Ostdeutschland - Biennale Venedig

Henrike Naumann ist tot, nach spät diagnostizierter, kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Das hat das Institut für Auslandsbeziehungen am Sonntagabend bestätigt. Das ist die Institution, die für die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig verantwortlich ist.

Eigentlich hätte dies nämlich das Jahr sein sollen, in dem Henrike Naumann endlich die ganz große internationale Bühne betritt. Dass sie auserkoren war, auf der im Mai eröffnenden Biennale gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon zu füllen, war schon in sich als starkes Statement wahrgenommen worden und hatte zu großen Erwartungen geführt: zwei jüngere Künstlerinnen, die beide wesentlich im Ostdeutschland der Nachwendezeit sozialisiert wurden und sich mit den Verwerfungen im Nachwende-Deutschland auch künstlerisch viel auseinandersetzen. Continue reading

Das ist schon episch

Über: Megadeth - "Megadeth" - Dave Mustaine - und natürlich: Metallica

Das neue Album von Megadeth heißt „Megadeth“ und soll das letzte von Megadeth sein. Sagt Dave Mustaine. Und als Gründer, Boss sowie einziges von ihm selbst noch nie gefeuertes Mitglied von Megadeth ist Dave Mustaine schließlich Megadeth.

Was Dave Mustaine darüber hinaus aber auch ist: inzwischen bereits 64 Jahre alt. Seit einiger Zeit behauptet er auch, wiedergeborener Christ zu sein. Das muss man respektieren, zumal als Therapeutikum nach all den Jahrzehnten zwischenmenschlich problematischen Verhaltens aufgrund von Drogensucht und Alkoholismus. Wobei in dem Zusammenhang aufhorchen ließ, dass Mustaine zusätzlich zum seit 2013 betriebenen Nebenerwerb Weinhandel (House of Mustaine – Unique Wines The World Hasn’t Discovered Yet …) voriges Jahr auch ins Brauereigeschäft eingestiegen ist (Megadeth Beer – For Those Who Live Loud …). Aber wer die Platten von Megadeth hört, von der ersten, 1985 erschienenen bis jetzt zur vorgeblich letzten, muss zu dem Schluss kommen, dass David Scott Mustaine aus dem kalifornischen La Mesa in Wirklichkeit vielmehr die Wiedergeburt des Rumpelstilzchens ist, von dem schon die Gebrüder Grimm berichteten. Continue reading

Mr. „Ich“ und die Frauen

Über: Raoul Hausmann - Hannah Höch - Dada in Berlin

„Wie immer hat Hausmann hier meinen Namen verstümmelt“, schrieb die Künstlerin Hannah Höch verärgert mit Kugelschreiber auf den Rand der kleinen Einladungskarte. Tatsächlich hatte Hausmann „Hanna Hösch“ draufdrucken lassen. Genauer: „Sie kommen unbedingt am 8. Februar Abends 8 Uhr in die Secession, Kurfürstendamm 232. Mynona, Hanna Hösch, Raoul Hausmann.“ Geboten würden „Grotesken“, Karten gebe es zu 5, 10 und 15 Mark.

Heute muss man unter Umständen dazu sagen, dass Mynona das Pseudonym war, unter dem der Philosoph Salomo Friedländer damals auch als Dichter und Satiriker in Erscheinung trat. An der Adresse der Secession steht heute ein Kaufhausbau aus den Siebzigern. Und Hannah Höch ist inzwischen wahrscheinlich der prominentere Name als Raoul Hausmann, der allerdings zumindest dann zuverlässig fällt, wenn vom Dadaismus in seiner besonders aggressiven Berliner Variante die Rede ist. Continue reading

Opernbauboom in Deutschland

Über: Sanierung - Neubau - und die Milliarden, die das kostet

Am vergangenen Sonntag war die Kölner Oper schon Thema im „Tatort“. Nebenher ging es um einen Mord, eigentlich aber um das Rätsel, warum die Sanierung des Opernhauses so kriminell lange dauert. Statt der veranschlagten zwei Jahre mittlerweile mehr als 13. Und warum das so kriminell viel kostet. Statt 250 Millionen Euro inzwischen fast eine Milliarde, alle Nebenkosten eingerechnet, sogar rund eineinhalb. Der Fall scheint ein bisschen zu komplex zu sein, um von TV-Kommissaren über einer Currywurst gelöst werden zu können. Dabei ist er keineswegs ungewöhnlich.

Auch in Augsburg zum Beispiel ist das Große Haus schon seit zehn Jahren wegen Grundsanierung geschlossen, müssen Theater und Oper in Ausweichspielstätten gezeigt werden, deren Kosten zu der Sanierung immer noch dazugerechnet werden müssen. In Stuttgart soll sich die Wiederöffnung des Opernhauses sogar bis in die 2040er-Jahre verzögern, weil schon die Interimsspielstätten erst mit etlichen Jahren Verspätung fertig werden. Hier sind bereits Kosten von zwei Milliarden im Gespräch. Continue reading

Von Zorro eins auf die Glocke

Über: Sprache von linksradikalen Bekennerschreiben - Vulkangruppe - Revolutionäre Zellen

Jetzt ist die sogenannte Vulkangruppe beleidigt. Nachdem sie wortreich den Anschlag auf das Berliner Stromnetz für sich reklamiert hatte, der Teile der Hauptstadt tagelang in Dunkelheit und Kälte stürzte, meldet sie sich mit einem neuen Statement zurück: Empörung darüber, dass ihr erstes Bekennerschreiben auch wegen sprachlicher Auffälligkeiten zu Spekulationen geführt hat, es könnten in Wahrheit russische Agenten dahinterstecken. (Variante für stabile Anhänger dieser Theorie: Die russischen Agenten weisen beleidigt zurück, russische Agenten zu sein.)

Zugleich ist auf dem Portal Indymedia ein Schreiben aufgetaucht, in dem nun ein anderer Teil der Vulkangruppe beansprucht, die eigentliche und ursprüngliche Vulkangruppe zu sein und mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun zu haben, diese vielmehr abzulehnen. Dieses Schreiben nun wird von vielen als authentisch begrüßt, die die vom Staatsschutz behauptete Authentizität des ursprünglichen Bekennerschreibens noch anzweifelten: Das neue Schreiben wurde im korrekten Szenemedium veröffentlicht, die Argumentation ist etwas reflektierter, der Ton klingt nicht wie ein mit Google Translate übersetztes Majakowski-Poem. Inhaltlich ist zu entnehmen, dass es der ursprünglichen Gruppe um Aktionen gegen Militärisches ging. Die Motive, die nach dem Blackout beansprucht wurden, Ökologie und Klimaschutz, spielten da gar keine Rolle. Continue reading