Wie Genital ist diese Büste

Über: Brancusi - und seine Prinzessin X. - in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Sieht eine Frau von der Brust aufwärts so aus, dass sie für das gehalten wird, was bei einem Mann unterhalb der Leiste hängt: Klingt nach einem Witz aus den oder über die Gender Studies. Ist aber einer der saftigsten Skandale der Kunstgeschichte. Es ist ein bisschen umstritten, ob es nun Matisse oder Picasso war, der im Salon des Indépendants 1920 auf Constantin Brancusis Porträtbüste der „Princess X“ zeigte und laut ausrief, dass man hier unzweifelhaft etwas vor sich habe, das in der Überlieferung vornehm als Phallus bezeichnet wird.

Unumstritten sind dafür die Folgen, die das für Brancusi hatte, der seine Skulptur gleich wieder abräumen durfte, um kein Politikum draus werden zu lassen. Denn ein Minister hatte sich angekündigt, um genau das zu machen, was Wolfram Weimer bei der Leipziger Buchmesse nicht tun wollte, nämlich einen Rundgang zur Eröffnung. Einen Minister aber, so wurde Brancusi beschieden, könne man unmöglich „an einem Paar Hoden“ vorbeiführen. Continue reading

Ihre Sitzung begann vor 12 000 Jahren

Über: Seßhaftwerdung - Gemeinschaftsbildende Bauten - Karies

Die eine macht ein langes Gesicht. Eine schaut grimmig. Eine bläst die Backen auf und sieht aus, als würde sie ratlos Luft durch die geschürzten Lippen blubbern lassen. Die Figuren haben etwas von Karikaturen, wie sie gern an den Rand von Konferenznotizen gekritzelt werden. Oder von den Kacheln, aus denen einen Kollegen bei länglichen Videokonferenzen anschauen. Nur sind sie in diesem Fall aus Stein gehauen und rund 12 000 Jahre alt. Aber einen Zusammenhang mit Sitzungen gibt es trotzdem.

Die ausdrucksstarken Grimassen finden sich in einem erstaunlichen Kontext. In der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel werden jetzt Funde aus Göbeklitepe im Südosten der Türkei gezeigt. Die meisten stammen aus dem Archäologischen Museum Şanlıurfa und waren noch nie zuvor im Ausland zu sehen. Das allein macht diese Ausstellung des Vorderasiatischen Museums schon hinreichend spektakulär. Continue reading

Nachruf Henrike Naumann, 1984-2026

Über: Möbel - Nachwende-Ostdeutschland - Biennale Venedig

Henrike Naumann ist tot, nach spät diagnostizierter, kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Das hat das Institut für Auslandsbeziehungen am Sonntagabend bestätigt. Das ist die Institution, die für die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig verantwortlich ist.

Eigentlich hätte dies nämlich das Jahr sein sollen, in dem Henrike Naumann endlich die ganz große internationale Bühne betritt. Dass sie auserkoren war, auf der im Mai eröffnenden Biennale gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon zu füllen, war schon in sich als starkes Statement wahrgenommen worden und hatte zu großen Erwartungen geführt: zwei jüngere Künstlerinnen, die beide wesentlich im Ostdeutschland der Nachwendezeit sozialisiert wurden und sich mit den Verwerfungen im Nachwende-Deutschland auch künstlerisch viel auseinandersetzen. Continue reading

Das ist schon episch

Über: Megadeth - "Megadeth" - Dave Mustaine - und natürlich: Metallica

Das neue Album von Megadeth heißt „Megadeth“ und soll das letzte von Megadeth sein. Sagt Dave Mustaine. Und als Gründer, Boss sowie einziges von ihm selbst noch nie gefeuertes Mitglied von Megadeth ist Dave Mustaine schließlich Megadeth.

Was Dave Mustaine darüber hinaus aber auch ist: inzwischen bereits 64 Jahre alt. Seit einiger Zeit behauptet er auch, wiedergeborener Christ zu sein. Das muss man respektieren, zumal als Therapeutikum nach all den Jahrzehnten zwischenmenschlich problematischen Verhaltens aufgrund von Drogensucht und Alkoholismus. Wobei in dem Zusammenhang aufhorchen ließ, dass Mustaine zusätzlich zum seit 2013 betriebenen Nebenerwerb Weinhandel (House of Mustaine – Unique Wines The World Hasn’t Discovered Yet …) voriges Jahr auch ins Brauereigeschäft eingestiegen ist (Megadeth Beer – For Those Who Live Loud …). Aber wer die Platten von Megadeth hört, von der ersten, 1985 erschienenen bis jetzt zur vorgeblich letzten, muss zu dem Schluss kommen, dass David Scott Mustaine aus dem kalifornischen La Mesa in Wirklichkeit vielmehr die Wiedergeburt des Rumpelstilzchens ist, von dem schon die Gebrüder Grimm berichteten. Continue reading

Mr. „Ich“ und die Frauen

Über: Raoul Hausmann - Hannah Höch - Dada in Berlin

„Wie immer hat Hausmann hier meinen Namen verstümmelt“, schrieb die Künstlerin Hannah Höch verärgert mit Kugelschreiber auf den Rand der kleinen Einladungskarte. Tatsächlich hatte Hausmann „Hanna Hösch“ draufdrucken lassen. Genauer: „Sie kommen unbedingt am 8. Februar Abends 8 Uhr in die Secession, Kurfürstendamm 232. Mynona, Hanna Hösch, Raoul Hausmann.“ Geboten würden „Grotesken“, Karten gebe es zu 5, 10 und 15 Mark.

Heute muss man unter Umständen dazu sagen, dass Mynona das Pseudonym war, unter dem der Philosoph Salomo Friedländer damals auch als Dichter und Satiriker in Erscheinung trat. An der Adresse der Secession steht heute ein Kaufhausbau aus den Siebzigern. Und Hannah Höch ist inzwischen wahrscheinlich der prominentere Name als Raoul Hausmann, der allerdings zumindest dann zuverlässig fällt, wenn vom Dadaismus in seiner besonders aggressiven Berliner Variante die Rede ist. Continue reading