Alter!

Über: Rentenreform - Geburtenknick durch Smartphones - Sterbehilfe als Kassenleistung

Als bei den betagten Eltern das Alter dann wirklich zuschlug, als also nach den vielen noch erfüllten Jahren im Ruhestand auf einmal nicht mehr die Rentenkasse mit ihren regelmäßigen kleinen Anpassungen an die Teuerung das zentrale Thema war, sondern die Pflegekasse und der Medizinische Dienst und die Einstufung in die Pflegegrade und das Ende der sogenannten Häuslichkeit in der nach all den Jahrzehnten vergleichsweise günstigen Mietwohnung sowie die Kosten in den Einrichtungen, die sich manchmal vornehm Residenz nennen und manchmal auch nur Heim, aber immer, immer, immer selbst nach Abzug der Kassensätze noch mehr Zuzahlungen erfordern, als durch alle Renten plus Zusatzrenten reinkommt: Da hatte das selbst bereits in seinen mittleren Jahren befindliche Kind, das sich um all das kümmern durfte, einmal eine verblüffende Unterredung mit einer Seniorenberaterin der Diakonie, die bei diesen Dingen kompetent und hilfreich war.

Sie erklärte, wer am Ende für die immensen Kosten aufkommen müsse, wenn das Ersparte nun mal aufgebraucht sei. Und dass der Begriff Schonvermögen nicht daher rührt, dass 10 000 Euro in dem Fall schon als Vermögen gelten. Sondern dass das alles ist, was manchen Angehörigen im Ernstfall für die eigene Vorsorge gelassen wird. Und dass mittlerweile fast schon im Normalfall trotzdem das Sozialamt einspringen müsse. „Also die Allgemeinheit. Also auch wir beide“, fügte sie fast frohgemut an: „Nur, wenn wir mal in dem Alter sind, wird nichts mehr übrig sein. Für uns muss sich Vater Staat dann was anderes einfallen lassen.“

„Woran denken Sie? Rentenbeginn mit 80?“
„Wird nicht reichen.“
„90?“
„Eher so an eine blaue Pille, die man, wenn es Zeit ist, per Post bekommt.“ Continue reading

Viel Spaß beim Algorithmen ärgern

Über: Anti-AI-Kunst - und ihre verblüffenden Ähnlichkeiten zu Avantgarde und klassischer Moderne

Logisch, dass künstliche Intelligenz seit einiger Zeit auch intelligente Künstler beschäftigt. Klar, dass sich Leute, die Bilder, Musik, Design oder Literatur fabrizieren und davon leben wollen, durch KI herausgefordert fühlen. Und kein Wunder, dass sich deswegen jetzt auch Ausstellungen dazu häufen. Besonders aktiven Protagonisten auf dem Gebiet, der Musikerin Holly Herndon etwa oder dem Künstler Trevor Paglen, kann man wie der Igel dem Hasen gerade überall begegnen; eben noch bei „Strange Rules“ im Palazzo Diedo in Venedig, jetzt auch bei „The World Through AI“ in der Schirn in Frankfurt.

Die hatten aber jeweils schon prominente Namen, bevor sie sich mit den Algorithmen beschäftigten, die sich wiederum mit der Kunst beschäftigen. Und wenn man nach der Ästhetik fragt, die damit einhergeht, dann läuft das in aller Regel darauf hinaus, dass man am Ende eben selbst die Welt mit den Augen der Maschinen zu sehen lernt – so wie das Paglen schon vor zehn Jahren mit „Sight Machine“ vorgeführt hat, dem analytischen Blick der KI auf ein Streichquartett. Auch das sogenannte Dataland, „the First Museum of AI Art“, das am 20. Juni in Los Angeles eröffnen soll, verspricht vorläufig vor allem immersive Spaziergänge durch eine Regenwaldsimulation aus Pixeln. Continue reading

Wie Genital ist diese Büste

Über: Brancusi - und seine Prinzessin X. - in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Sieht eine Frau von der Brust aufwärts so aus, dass sie für das gehalten wird, was bei einem Mann unterhalb der Leiste hängt: Klingt nach einem Witz aus den oder über die Gender Studies. Ist aber einer der saftigsten Skandale der Kunstgeschichte. Es ist ein bisschen umstritten, ob es nun Matisse oder Picasso war, der im Salon des Indépendants 1920 auf Constantin Brancusis Porträtbüste der „Princess X“ zeigte und laut ausrief, dass man hier unzweifelhaft etwas vor sich habe, das in der Überlieferung vornehm als Phallus bezeichnet wird.

Unumstritten sind dafür die Folgen, die das für Brancusi hatte, der seine Skulptur gleich wieder abräumen durfte, um kein Politikum draus werden zu lassen. Denn ein Minister hatte sich angekündigt, um genau das zu machen, was Wolfram Weimer bei der Leipziger Buchmesse nicht tun wollte, nämlich einen Rundgang zur Eröffnung. Einen Minister aber, so wurde Brancusi beschieden, könne man unmöglich „an einem Paar Hoden“ vorbeiführen. Continue reading

Ihre Sitzung begann vor 12 000 Jahren

Über: Seßhaftwerdung - Gemeinschaftsbildende Bauten - Karies

Die eine macht ein langes Gesicht. Eine schaut grimmig. Eine bläst die Backen auf und sieht aus, als würde sie ratlos Luft durch die geschürzten Lippen blubbern lassen. Die Figuren haben etwas von Karikaturen, wie sie gern an den Rand von Konferenznotizen gekritzelt werden. Oder von den Kacheln, aus denen einen Kollegen bei länglichen Videokonferenzen anschauen. Nur sind sie in diesem Fall aus Stein gehauen und rund 12 000 Jahre alt. Aber einen Zusammenhang mit Sitzungen gibt es trotzdem.

Die ausdrucksstarken Grimassen finden sich in einem erstaunlichen Kontext. In der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel werden jetzt Funde aus Göbeklitepe im Südosten der Türkei gezeigt. Die meisten stammen aus dem Archäologischen Museum Şanlıurfa und waren noch nie zuvor im Ausland zu sehen. Das allein macht diese Ausstellung des Vorderasiatischen Museums schon hinreichend spektakulär. Continue reading

Nachruf Henrike Naumann, 1984-2026

Über: Möbel - Nachwende-Ostdeutschland - Biennale Venedig

Henrike Naumann ist tot, nach spät diagnostizierter, kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Das hat das Institut für Auslandsbeziehungen am Sonntagabend bestätigt. Das ist die Institution, die für die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig verantwortlich ist.

Eigentlich hätte dies nämlich das Jahr sein sollen, in dem Henrike Naumann endlich die ganz große internationale Bühne betritt. Dass sie auserkoren war, auf der im Mai eröffnenden Biennale gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon zu füllen, war schon in sich als starkes Statement wahrgenommen worden und hatte zu großen Erwartungen geführt: zwei jüngere Künstlerinnen, die beide wesentlich im Ostdeutschland der Nachwendezeit sozialisiert wurden und sich mit den Verwerfungen im Nachwende-Deutschland auch künstlerisch viel auseinandersetzen. Continue reading